Psychosoziale Repression und Diskriminierung: Vivantes verweigert Cannabis-Konsumenten die therapeutische Hilfe

Patient wartet in der Lobby der Vivantes-Tagesklinik auf der Sonnenallee

Tipp vorab: Wenn Sie Hilfe von medizinischen Einrichtungen erbeten, müssen sie als THC- oder CBD-Konsument lügen. Die Frage im Aufnahmegespräch einer Tagesklinik, ob Sie Medikamente nehmen, sollten Sie keinesfalls bejahen, wenn Sie gerne Cannabis zum Feierabend genießen und trotzdem aus anderen Gründen in Therapie möchten. Denn auch in Berlin werden Cannabis-Konsument*innen verfolgt, diskriminiert und brutal ausgegrenzt. Wer also zugibt, Cannabis zu essen oder zu inhalieren, dem wird vom Gesundheitssystem eine Psychotherapie verweigert, denn Cannabis-Genuss wird nach wie vor als krankhaft verunglimpft.

Berlin-Neukölln Ein Mann will sich freiwillig in Therapie begeben, um mal zu checken, ob der eigene Geist oder diese schwerst asoziale Gesellschaft bekloppt ist. Sehr löblich, denn gingen mehr „Männer in die Therapie“, wäre das sicherlich ein Plus für den gesamtgesellschaftlichen Frieden. Vivantes aber verweigert die Behandlung einer bereits Monate zuvor fachärztlich diagnostizierten Anpassungsstörung, weil der Patient nicht abstinent vom Marihuana leben möchte. Dem Hilfesuchenden, mit der Einweisung vom Facharzt (Psychiatrie) in eine Tagesklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in der Tasche, wurde angeboten, in sechs Wochen wiederzukommen, falls er bis dahin nicht gekifft haben sollte. „Das Ziel einer Psychotherapie ist, dass Sie ohne Cannabis zufrieden leben“, formulierte die Mitarbeiterin der Vivantes-Klinik in Neukölln eine unwissenschaftliche Straight Edge-Phrase zur Begründung ihrer harschen Ablehnung.

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Diskriminierung: Cannabis-Konsument*innen werden pathologisiert und kriminalisiert

„Was für eine repressive Kackscheiße“, dachte der zum Zeitpunkt komplett nüchterne Patient über die rückständige, pauschale Abstinenzerwartung der Vivantes-Klinik. Mit einem schnöden „Nein“ lehnte er das Angebot zum Cannabisverzicht verbal ab, ohne auszuflippen, ob der ungerechten Behandlung und des einfach bloß vulgär diskriminierenden Agierens des medizinischen Personals. Dass der Patient vor Wut, Frustration und Enttäuschung wegen der widerlichen Ausgrenzung nicht mit Gegenständen nach den beiden Mitarbeiter*innen warf oder übelst als Faschisten beleidigte, ist immerhin ein Indiz dafür, dass die zusätzlich zur Anpassungsstörung diagnostizierte Impulskontroll-Störung so ausgeprägt dann doch nicht ist. Es besteht also womöglich eine gute Chance auf Selbstheilung. Remission tut auch Not, denn die eventuell wirklich notwendige professionelle Hilfe wird dem Kiffer am Vormittag des sechsten Januars nämlich verweigert, nur, weil er sehr gerne kifft.

Tipp: Bei der Anamnese dem medizinischen Fachpersonal dreckig ins Gesicht lügen

Bevor dem Kiffer die schlechte Nachricht mitgeteilt worden war, musste er in der Vivantes-Tagesklinik auf der Sonnenallee in Neukölln einen Anamnese-Fragebogen beantworten. Ist die Wohnung in einem ordentlichen Zustand? (Das muss die Sozialarbeiterin wissen), hat man Selbstmord-Gedanken oder Allergien und eben auch die heikle Frage nach der Einnahme von Medikamenten, wurde gestellt. Diesen Punkt beantwortete der Patient mit der Anpassungsstörung allerdings zögerlich, fragte sich zuerst naiv, ob das Vivantes-Unternehmen Cannabis als Medizin oder Genussmittel verstünde, aber antwortete dann ehrlicherweise mit „Ja“. „Wann zum letzten Mal?“, lautetet die Gegenfrage. Am Abend zuvor wurde freilich gekifft – wie gewöhnlich beim Fernsehen. „Oh“, sagte der freundliche Mitarbeiter und konsultierte seine Vorgesetzte. Der Patient musste erneut in der leidlich behaglichen Lobby warten, wo ihm dann erklärt worden ist, dass eine Behandlung in der Tagesklinik nur abstinent lebenden Patienten vorbehalten sei. Uff. Keine schöne Erfahrung, da die hautnah erlebte psychosoziale Repression insbesondere einem Patienten mit Anpassungsstörung zusätzlich schweren Schaden zufügen kann, dem  – wissenschaftlich verbürgt – eher Zuspruch und Anteilnahme helfen würden. Deshalb sollten Patienten bei professionellen Erfragungen von potenziell medizinisch relevanten Informationen durch das Fachpersonal (Anamnese) die Wahrheit bezüglich ihres Cannabiskonsum verschweigen. Schließlich wird dem ehrlichen Kiffer (aus Neukölln) die Behandlung seines psychiatrisch bedingten Wehwehchen schlicht verweigert. Das gleiche ziemlich traumatische Erlebnis droht konkret auch anderen Cannabis genießenden Patient*innen, die ein Aufnahmegespräch aufrichtig und wahrheitsgemäß führen.

Pauschale Pathologisierung von Lebensart und Identität ist faschistoide Kackscheiße

Die Überlegung, ob Kiffende in der BRD überhaupt so übel diskriminiert werden dürfen, erübrigt sich natürlich. Es ist nämlich legal, Kiffer*innen quasi für vogelfrei zu erklären. Cannabis-Konsumierende werden nicht bloß politisch unterdrückt und medizinisch pathologisiert, sondern auch kriminalisiert in dieser verdammt kranken Gesellschaft. Bereits der Konsum von Cannabis wird in unserem offenbar ideologisch-politisierten Gesundheitssystem nicht toleriert, vielmehr als eine Krankheit oder der seelischen Genesung nicht zuträglich betrachtet in der bundesdeutschen Psycho-Szene. Dasselbe Gefühl der Ausgrenzung und Diffamierung kennen Trans*-Personen, deren Naturell die Psychologie per se als seelische Störung stigmatisiert. Auch die gleichgeschlechtliche Liebe (Homosexualität) galt bis vor wenigen Jahren noch als auszumerzende Krankheit – sogar mit Ansteckungsgefahr. In Bezug auf Cannabis-Konsumierende besteht diese faschistoide Pathologisierung von Lebensart und Identität nach wie vor fort. Die von der Ampelkoalition versprochene sogenannte Cannabis-Legalisierung lässt indes auf sich warten. Gesundheitsminister Lauterbach (sPD) ließ verlautbaren, dass es momentan wegen Corona wichtigere Probleme geben würde… Was für eine Schande.

Vivantes Klinik am Urban-Sprechender und RBB in Sorge vor der dräuenden Cannabis-Legalisierung
Ziemlich schrottiger Alarmismus-Journalismus aus der konservativen RBB-Ecke wird verlinkt von Vivantes.de

Schande? Ja. Psychotherapie, die bestrafend sanktioniert statt Menschen in schwierigen Situationen zu helfen, hat Tradition in Deutschland, wo Psycholog*innen sich auf die Konditionierung eines Menschen und die Wiederherstellung der Funktionalität einer Person fokussieren. Wir dulden ein Gesundheitssystem, wo Psychiater*innen den Nutzen eines Menschen für die Gesellschaft definieren, die auf überkommenden Grundlagen Freudscher Pseudowissenschaft ihren fragwürdigen Berufstand zu legitimieren versuchen. Dieses System ist eine Gefahr für Bürger*innen, die gerne Cannabis konsumieren oder einfach bloß anders sind als das willkürlich normierte Ideal, welches über hundert Jahre alte Psycho-Schinken aus der wilhelminischen Kaiserzeit vorgeben.

Risikobegegnung beim Aufnahmegespräch in der psychosomatischen Vivantes-Klinik möglich

Und das Beste kommt zum Schluss: Der aufgrund seines Cannabis-Konsums abgelehnte Hilfesuchende war am 06.01.2021 den ganzen Tag allein zu Hause. Ist auf dem Weg zur Klinik weder im Flur Nachbarn begegnet, noch auf den Straßen Passanten zu nah gekommen. Lediglich in der Vivantes-Klinik konnten beim Aufnahmegespräch die Abstandsregeln nicht eingehalten werden. Wirkliche Social Distance-Situationen ergaben sich auch nicht zu gesichteten Gruppen- oder Einzeltherapie-Teilnehmenden. Masken wurden getragen und der später abgelehnte Patient wurde nach seinem Impfstatus (Geboostert) befragt und mit einem Antigen-Test negativ auf Covid-19 getestet. Doch diese Vorsicht war mutmaßlich nicht genug. Prompt kam es zu einer via Corona-Warn-App gemeldeten Risikobegegnung am besagten sechsten Januar 2022. Vielen Dank für gar nichts.

Was ist eine Anpassungsstörung?

Wie zeigt sich eine Anpassungsstörung? Die am häufigsten auftretenden psychischen Auffälligkeiten sind Angst und Sorge, Depressivität, Ärger, Verbitterung, Verzweiflung und emotionale Verwirrtheit. Auch Gefühle von Isolation, Bedrängnis und Traurigkeit können sich einstellen sowie der Eindruck, den alltäglichen Lebensaufgaben nicht mehr gewachsen zu sein.

Informationsportal zur psychischen Gesundheit und Nervenerkrankungen
Was ist eine Impulskontrollstörung?

Eine Impulskontrollstörung ist ein psychiatrisches Krankheitsbild, das sich durch impulsives Handeln bei gestörter Selbstkontrolle auszeichnet. Es äußert sich durch ein dranghaftes Verhalten, das vom Patienten nicht oder nur teilweise gesteuert werden kann.

Doc Check
Was ist Pathologisierung?

Als Pathologisierung gilt die Deutung von Verhaltensweisen, Empfindungen, Wahrnehmungen, Gedanken, sozialen Verhältnissen oder zwischenmenschlichen Beziehungen als krankhaft. In einem umfassenderen Sinn bezieht sich Pathologisierung nicht nur auf die Bewertung von psychischen und sozialen Phänomenen als krankhaft. (Wikipedia)

Wikipedia
Was ist die Straight Edge-Ideologie?

Die Textzeilen „Don’t smoke / Don’t drink / Don’t fuck“ aus Out of Step von Minor Threat gelten noch heute als Grundpfeiler der Straight-Edge-Ideologie, wurden jedoch im Laufe der Jahre mehrfach neu interpretiert und erweitert. Als Grundkonstanten lassen sich drei Regeln festhalten, die für die meisten Straight-Edge-Anhänger gelten: Der Verzicht auf Alkohol, der Verzicht auf andere Drogen sowie der Verzicht auf eine promiske Lebensführung. Diese Punkte unterschieden Straight Edge deutlich von der damaligen Punk- und der Hardcore-Punk-Szene, aber auch von den übrigen Jugendkulturen. Der Konsum von Drogen, insbesondere Alkohol, war zu dieser Zeit eine der häufigsten Rebellionsmöglichkeiten, gerade für Teenager auf der High-School. Der bewusste Verzicht auf diese (durch die Altersbeschränkung) verbotenen, aber häufig genutzten Formen wurde von vielen Altersgenossen als Affront gesehen. Dies zeigte sich auch in der Punk-Szene, wo insbesondere ältere Punks sich angegriffen und in ihrer Authentizität verletzt sahen. Eine große Auseinandersetzung findet in der Straight-Edge-Szene um die Auslegung des Drogenbegriffs statt. Während anfangs nur AlkoholNikotin und alle anderen Arten von Rauschmitteln gemeint waren, wurde der Begriff von verschiedenen Anhängern auch auf Coffein ausgeweitet. Diese strikten Definitionen gehen davon aus, dass es viele Substanzen gebe, die Auswirkungen auf das menschliche Bewusstsein hätten. Sie würden den Menschen schaden oder sie in eine Abhängigkeit führen. Die Ablehnung von Alkohol, Nikotin und illegalen Drogen bleibt meist der gemeinsame Nenner und ist die am häufigsten angewendete Form des Straight Edge.

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Was ist eine Anamnese?

Die Anamnese oder Vorgeschichte ist die professionelle Erfragung von potenziell medizinisch relevanten Informationen durch Fachpersonal. Dabei antwortet entweder der Patient selbst oder eine dritte Person. Ziel ist dabei meist die Erfassung der Krankengeschichte eines Patienten im Rahmen einer aktuellen Erkrankung. 

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